Der Sonne entgegen

Schon mehrmals bin ich mit antiken und vorgeschichtlichen Grabanlagen in Kontakt gekommen.
Fast überall hörte und hört man die gleiche, phantastische Geschichte, dass diese Bauwerke bewusst so ausgerichtet wurden, damit an ganz bestimmten Tagen im Jahr (max 2) die Sonnenstrahlen auf eine bestimmte Stelle im Inneren treffen. Das ist sicherlich nicht anzuzweifeln. In vielen Fällen stellt sich aber die Frage: wofür?
Gerne wird vorgeschoben, dass es sich um eine Art Kalender handeln könnte. Die Sonnenstrahlen kamen immer an einem bestimmten Tag im Frühjahr bis ins „hinterste Eck“. Das könnte dann das Zeichen gewesen sein, mit der Aussaat zu beginnen. Das ist aber nicht wirklich nachvollziehbar, denn die Aussaat im Frühjahr wird nicht auf Grund eines Datums begonnen, sondern richtet sich nur nach den Witterungsbedingungen. Und Außerdem! Um ein jährlich wiederkehrendes Datum auch optisch festzuhalten, hätte es wesentlich einfachere Methoden gegeben. Zwei Pfähle in der Erde hätten dasselbe Ergebnis gebracht!
Nein! Anlagen zur Bestimmung eines Datums, also eine Art Kalender waren diese meist sehr gigantischen Bauten mit Sicherheit nicht! Und irgendwie zu phantastisch! Zum einen billigt man diesen alten Völkern keine entsprechende Technologie zu, zum anderen müssten solche Beobachtungen über mehrere Jahrzehnte erfolgt sein, um dann zum Zeitpunkt X genau diese richtige Ausrichtung aber auch Neigung eines Ganges bewerkstelligen zu können.
Wer konnte das berechnen? Wie konnte man es ausmessen? Wie kam man zur Überzeugung, dass es genau dieser Tag und nicht der davor oder der danach ist?
Antworten auf solche Fragen bleiben die Wissenschaften, im Besonderen aber die Archäologen gerne schuldig!

Abu Simbel | 2007©G.Hufler
Abu Simbel | 2007©G.Hufler

Das „Sonnenwunder von Abu Simbel„, dem weltberühmten und kolossalen Tempel des Ramses II (Pharao von Unter- und Oberägypten der 19. Dynastie um 1300 vor unserer Zeitrechnung) ist wohl den Meisten bekannt. Nein! Hier wurde nie von einem Kalender gesprochen. Aber auch hier bleibt man die Antwort schuldig, wer diese Berechnungen angestellt haben könnte und vor allem wie es gelingen konnte, diese exakte Ausrichtung zu erzielen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne treffen heutzutage, zwei mal im Jahr (21. Februar und 21. Oktober) durch den Eingang dringend, für etwa 20 Minuten direkt auf drei der vier Statue im hintersten Teil des Tempels.
Wenn es wirklich so gewesen sein soll, dass die Ägypter zu diesen Erkenntnissen über jahrelange Beobachtungen kamen, hätte der Erbauer dieses monströsen Tempels schon viele Jahre vorher wissen müssen, was er bauen lassen will und wo dieses Bauwerk stehen soll. Es hätte dann auch schon einen entsprechenden, unveränderlichen Plan geben müssen! Wie soll das funktioniert haben? Mit den heutigen Vermessungsgeräten wohl kein Problem, aber damals?

Abu Simbel; das Ziel der Sonnenstrahlen | 2007©G.Hufler
Abu Simbel; das Ziel der Sonnenstrahlen |
2007©G.Hufler

Der Italiener Giovanni Battista Belzoni begann 1817 mit den ersten Freilegungen. Erst um etwa 1910 war die Fassade völlig freigelegt und ob das Innere da auch schon begehbar war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ist den damaligen Ausgräbern dieses „Sonnenwunder“ auch schon aufgefallen?
Auch wenn man nun den ganz exakten Zeitpunkt der Tag- und Nachtgleiche durch jahrelange Beobachtungen bestimmt hätte, war das doch wieder nicht so exakt, denn durch die sogenannte „Präzession“ der Erdachse verschiebt sich der Punkt am Horizont laufend. Der Umlauf einer solchen Kreiselbewegung beträgt rd. 25.700 Jahre. Also eine beträchtliche Zeitspanne. Veränderungen von 5 oder 10 Jahren, vielleicht auch 100 Jahren sind da so mit dem freien Auge nicht oder kaum erkennbar. Vergehen aber mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende, ist dieses einst so tolle Schauspiel nicht mehr zu sehen. Seit der Errichtung von Abu Simbel dürften etwa 3.400 Jahre vergangen sein, also etwa ein Achtel einer Präzessionsperiode, etwa 45 Grad eines Kreises.
Deshalb ist es auch sehr fraglich, ob es sich zur Zeit der Errichtung wirklich um diese oben genannten Tage gehandelt hat (21. Februar und 21. Oktober).
Der Tempel wurde in einer unglaublichen Aktion zwischen 1963 und 1968 „übersiedelt“. Die Fluten des aufgestauten Nils hätten dieses außergewöhnliche Bauwerk völlig versenkt. So wurde es abgetragen und 64 Meter höher an einem geeigneten Ort wieder aufgebaut. Die besten Ingenieure der Welt waren am Werk und schafften schier Unmögliches. Mit der damals schon zur Verfügung stehenden Vermessungstechnik konnte auch die gleiche Ausrichtung wie am Originalstandplatz erzielt werden.
Aber warum der 21. Februar und der 21. Oktober? (in manchen Literaturen ließt man den 20.) Die Präzessionsbewegung ist seit der ursprünglichen Errichtung schon weit fortgeschritten. Ich frage mich schon, wie man auf dieses Datum kam und wie man es bestimmen konnte. Die Ermittlung der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr und im Herbst wäre wohl die logischere Handlung und durch jahrelange, vergleichende Beobachtungen eher ermittelbar gewesen (21. März und 23. September).
Die Sonne hatte in der Glaubenswelt eine große Bedeutung. Ra oder Re war der Sonnengott. Die Sonne stellte den Gott dar. Es gab nichts, was die Sonne geschaffen hätte. Daneben gabs aber viele andere Götter und der Pharao wurde ebenfalls als göttlich verehrt. Dadruch ist wahrscheinlich zu erklären, dass gerade dieser Tempel mit der Sonne und ihren Strahlen verbunden wurde.
Und es bleibt trotzdem immer wieder die Frage: wie berechneten sie es? Nur weil gelehrte Priester in Luxor, Memphis, Cairo oder sonst wo ständige und tägliche Beobachtungen machten, konnte sie ihre Erkenntnisse doch nicht einfach parallel verschieben und an jedem beliebigen Platz ausbreiten. Heute legen wir eine Landkarte auf, nehmen ein Lineal und ein Dreieck und verschieben jede Linie irgendwohin auf der Karte, wo wir es gerade wünschen. Das Lineal und das Dreieck wird vor 3500 Jahren schon vorhanden gewesen sein, aber die präzise Landkarte hat mit Sicherheit gefehlt.
Abu Simbel hat aber noch eine Besonderheit. Der Tempel wurde in den Fels getrieben! Und diese Art des Bauens ermöglichte keine nachträglichen Veränderungen und Korrekturen der Ausrichtung. Die exakte Ausrichtung der Achse von „ganz hinten“ bis vor zum Eingangsportal (etwa 60 Meter) und dann weiter zur aufgehenden Sonne muss anfänglich schon vorgegeben gewesen sein.Ägypten. Der Süden. Begünstigte Klimazonen in welchen ein bedeckter Himmel und Regen eher die Ausnahme sind. Die Beobachtungen des Himmels, egal ob am Tag oder in der Nacht waren wohl fast immer möglich. Sollte es aber trotzdem einmal nicht möglich gewesen sein eine bestimmte Konstellation zu beobachten, so war die Wahrscheinlichkeit, diese im nächsten Jahr aber dann doch wieder nachholen zu können, sehr wahrscheinlich.

Man kennt aber sehr viele Hügelgräber im Norden, die ebenfalls solche „Sonnen-Ausrichtungen“ haben. Ob an der Bretonischen Küste Frankreichs, in Irland, Schottland, Norwegen oder Schweden. Überall gibt es sie und tragen zum Teil klingende Namen. Schlechtwetterfronten brausen mächtig über die nördlichen Lande. Oft ist tagelang vom Himmel nichts zu sehen. Keine Sonne, kein Mond, keine Sterne. Die Beobachtungsreihen mussten sehr lückenhaft gewesen sein!

Newgrange | 2004©G.Hufler
Newgrange |
2004©G.Hufler

Bereits im Jahr 1699 entdeckte man die Anlage von Newgrange in Irland. Nördlich von Dublin und westlich von Drogheda liegen an den Ufern des Flusses Boyne sanfte, üppig mit Gras und Buschland bewachsene Flächen. Einer dieser Hügel barg ein besonderes Geheimnis. Durch Zufall entdeckte ein Farmer beim Zusammentragen von Steinen diesen doch nicht so natürlichen Hügel. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Megalithanlage aus der Zeit um 3200 vor unserer Zeitrechnung handelt. Natürliche Erosion und Ansiedlung von Pflanzen haben diesen Hügel über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende in seine Umgebung so integriert, dass er sich von der umgebenden Landschaft nicht mehr abhob. Aber erst 1962 begann man tatsächlich mit systemaitschen Erforschungen und der Restauration.
Wenn man von einem Megalithbau sprechen kann, so unterscheidet er sich aber doch nicht unerheblich von anderen seiner Art. Brachte man die einigermaßen kreisrunde Basis zustande (das schafften die Megalithiker aber auch mit Steinsetzungen wie z.B. Stonehenge), so waren sie offensichtlich nicht in der Lage, eine annähernd gerade Linie zu ziehen. Am Ende des Ganges wurden seitliche 2 Kammern ausgebildet, deren Tiefe auch nicht symetrisch ist.

Newgrange, Eingang | 2004©G.Hufler
Newgrange, Eingang |
2004©G.Hufler

Glaubt man den Archäologen, so wurde der Gang und die Seitenkammern in „Tagbauweise“ errichtet. Erst als die Boden- und Seitensteine verlegt und gesetzt waren kamen die Decksteine und Schieferplatten. Die Tatsache, dass diese Decke auch heute noch nahezu wasserunduchlässig ist wird als großartige, baumeisterische Leistung dargestellt. Wenn man sich aber den Querschnitt der Anlage anschaut so bin ich der Meinung, dass die Erbauer einfach nur „unendlich“ viele Steinplatten aufeinanderschichteten um letztendlich dem Wasser keine Chance mehr zu lassen. Dieses ganze Bauwerk wurde dann mit Erde überhäuft. Es war offensichtlich von Anfang an geplant, dass der Hügel be- oder verwachsen durfte. Warum schafften sie keinen geraden Gang? Die Materialien wären ja vorhanden gewesen!
Aber die wesentlich Frage lautet auch hier: Wie war es möglich, den Gang so auszurichten, dass angeblich zur Wintersonnenwende (21. Dezember) die Sonnenstrahlen bis ans Ende des Ganges reichten. Dem müssten jahre- ja jahrzehntelange Beobachtungen an Ort und Stelle vorangegangen sein. Wie viele Winter zogen da ins Land, damit man nur annähernd eine sichere Peilung vornehmen konnte. Und dann musste genau an diesem Ort gebaut werden. 100 Meter weiter nördlich und die Peilungen hätten schon wieder nicht gepasst!
Auch die Behauptung, dass die Sonnenstrahlen, soferne die Sonne überhaupt schien, genau um die Wintersonnenwende das hinterste Ende des Ganges erreichten, ist meiner Meinung reine Spekulation. 5400 Jahre nach der Errichtung sollte die Kreiselbewegung der Präzession den Sonnenstand zu dieser Jahreszeit bereits so verschoben haben, dass man das Schauspiel bei der Entdeckung der Anlage gar nicht mehr sehen bzw. erkennen konnte.

Newgrange, Eingang | 2004©G.Hufler
Newgrange, Eingang |
2004©G.Hufler

Vielleicht konnten gevievte Mathematiker dies „zurückrechnen“. Davon ließt man aber nichts. Vielmehr wird dieses „Spektakel“ bei Besichtigungen mit einer künstlichen Lichtquelle nachgestellt und alle Besucher sind entzückt bei dieser Vorstellung. Dem touristischen Besucher ist es in der Regel sowieso egal. Hauptsache ein paar Fotos und ein Eintrag im Reisetagebuch. Dieser Punkt der Erde kann abgehakt werden.
Total im Unklaren ist aber, wofür dies die Megalithiker gemacht hätten. Es herrschte tiefste Steinzeit, die Naturgeister beherrschten die mythische Szene. War es das Grab eines Stammesfürsten und seiner Angehörigen? War es eine Art Tempel, in welchem man den Naturgeistern opferte? Dass 1967 im Inneren fünf menschliche Skelette gefunden wurden deutet aber wohl primär auf eine Grabanlage hin.
Und wenn nun die Darstellung der Sonnenstrahlen zur Wintersonnenwende tatsächlich stimmen sollte stellt sich wieder einmal die Frage: Wofür? Was sollte diese Schauspiel bewirken? Da uns von Religionen aus dieser Zeit im Norden Europas wohl kaum etwas bekannt ist, lässt sich leicht spekulieren!
Und weil wir schon gerade so schön beim Spekulieren sind. Auch an der Rekonstruktion wie wir sie heute vorfinden wird sehr viel Kritik geübt. Es wird stark angezweifelt, dass das Äußere der Anlage sich so präsentiert hatte. Vor allem diese steilen, aufgeschichteten Wände dürften nicht der Realität entsprechen. Die Rekonstrukteure schafften diese Steilheit nur, weil sie dahinter Betonmauern setzten. Und ob tatsächlich so viele Quarzsteine verbaut waren ist nicht bekannt. Im Umkreis wurden zwar deratige Steinbrocken gefunden, aber bei weitem nicht so viele, dass man auf dieses Erscheinungsbild schließen hätte können. Und: Ob es die obere Öffnung beim Eingang überhaupt gegeben hat ist auch ungewiss. Bilder um etwa 1900 n. Chr. lassen diesen Schluss nicht unbedingt zu.

Diese Anlage wird ihr Geheimnis wohl für immer für sich behalten. Man wird wohl nie erfahren, wer sie errichtet hat und für wen – und wie man diese angebliche Ausrichtung auf die Sonne um die Wintersonnenwende schaffte. Eines kann man sich aber sehr sicher sein. Ein Kalendereintrag war es nicht. Wofür hätte er genützt? Was hätte in der Landwirtschaft der Wissensstand gebracht, dass nun die Tage wieder länger werden? Landwirtschaft konnte noch auf Monate hinaus nicht betrieben werden.

01/2015©Guntram Hufler